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Rente & Altersvorsorge Foto: Unsplash

Erwerbsminderungsrente 2026: Anspruch, Höhe und Antrag richtig stellen

Wer keine sechs Stunden täglich arbeiten kann, hat Anspruch auf eine Rente — aber nur, wenn die Wartezeit erfüllt ist. Volle und teilweise EM-Rente 2026 erklärt.

TB Thomas Becker Fachredakteur Rente & Schwerbehinderung 08. Mai 2026 Aktualisiert: 11. Mai 2026 ⏱ 8 Min Lesezeit

Rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland beziehen eine Erwerbsminderungsrente — und doch ist sie eine der am wenigsten verstandenen Sozialleistungen des Landes. Wer wegen Krankheit, Unfall oder Behinderung dauerhaft nicht mehr voll arbeiten kann, hat Anspruch — aber nur, wenn er die richtigen Hürden überspringt. Die Reform 2024 hat zwar die alten Abschläge bei vor 2019 zugesprochenen Renten korrigiert, doch der Weg zum Rentenbescheid bleibt steinig. Wir zeigen, was Sie 2026 wissen müssen, wenn die Arbeitskraft nachlässt.

Volle oder teilweise EM-Rente — die Drei-Stunden-Grenze

Maßstab ist nicht Ihre eigene berufliche Tätigkeit, sondern die Frage, ob Sie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt überhaupt noch erwerbstätig sein können — egal in welchem Beruf, unter „üblichen Bedingungen”.

Drei-Stunden-Schwelle

Wer also wegen schwerer Depression nicht mehr als zwei Stunden täglich arbeiten kann, bekommt volle EM-Rente — selbst wenn er körperlich gesund wäre. Wer drei bis sechs Stunden täglich noch arbeiten könnte, bekommt teilweise EM-Rente. Wer sechs Stunden oder mehr arbeitsfähig ist, geht leer aus.

Eine wichtige Ausnahme: Wer auf dem Arbeitsmarkt keine Stelle findet, obwohl er drei bis sechs Stunden noch arbeiten könnte, kann auf Antrag eine volle EM-Rente bekommen — sogenannte Arbeitsmarkt-EM-Rente nach § 43 Abs. 1 Satz 3 SGB VI. Voraussetzung: Die Agentur für Arbeit bestätigt, dass keine zumutbare Stelle vorhanden ist.

Wartezeit: Fünf Jahre Beiträge sind Pflicht

Ohne Beitragsjahre keine Rente. Sie müssen mindestens fünf Jahre allgemeine Wartezeit (60 Beitragsmonate) erfüllt haben — und in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre Pflichtbeiträge gezahlt haben. Diese zweite Hürde, die Drei-Fünfter-Regel, scheitert oft an Lücken durch Krankheit, Kindererziehung oder Arbeitslosigkeit ohne ALG-Bezug.

Ausnahmen von der Wartezeit gibt es bei einem Arbeitsunfall, einer Berufskrankheit oder bei Erwerbsminderung innerhalb der ersten sechs Jahre nach Ausbildungsende — dann reichen schon ein Jahr Pflichtbeiträge in den letzten zwei Jahren.

Wie hoch ist die EM-Rente?

Die Berechnung läuft wie bei einer Altersrente — mit dem entscheidenden Bonus der Zurechnungszeit: Das System tut so, als hätte der Versicherte mit dem bisherigen Durchschnittseinkommen bis zur regulären Altersgrenze (etwa 65) weitergearbeitet. So entstehen aus oft kurzen Erwerbsbiografien tragbare Renten.

EM-Rente Beispielrechnung 2026
VersicherterBisherige EntgeltpunkteMit ZurechnungszeitBruttorente pro Monat
35 Jahre alt, 12 Jahre eingezahlt12 EP~33 EPca. 1.348 EUR
50 Jahre alt, 30 Jahre eingezahlt33 EP~45 EPca. 1.838 EUR
60 Jahre alt, 40 Jahre eingezahlt44 EP~50 EPca. 2.042 EUR
Modellrechnung 2026 bei aktuellem Rentenwert 40,79 EUR (West). Brutto vor Sozialabgaben.

Bei teilweiser EM-Rente wird der Rentenbetrag halbiert. Wer Erwerbsminderung hat, aber Hinzuverdienst aus Teilzeitarbeit erzielt, erhält Rente plus Lohn — bis zu einer hohen Obergrenze.

Reform 2024: Endlich keine Abschläge mehr für Neurentner

Bis 2019 mussten EM-Rentner Abschläge von bis zu 10,8 Prozent hinnehmen, weil das System sie wie vorzeitig in Altersrente Gegangene behandelte. Seit der Erwerbsminderungsrenten-Reform 2018/2019 verzichtet die DRV bei Neuzugängen auf diese Abschläge. Seit 1. Juli 2024 bekommen außerdem Bestandsrentner mit Rentenbeginn zwischen 2001 und 2018 einen pauschalen Zuschlag von 4,5 bis 7,5 Prozent auf ihre EM-Rente — automatisch, ohne Antrag.

Hinzuverdienst seit 2023

Mit dem Gesetz zur Anhebung der Hinzuverdienstgrenzen (Januar 2023) wurden die EM-Rentengrenzen weit nach oben verschoben:

  • Bei voller EM-Rente: bis 18.558,75 Euro pro Kalenderjahr (Stand 2026, drei Achtel der jährlichen Bezugsgröße) — etwa 1.547 Euro pro Monat.
  • Bei teilweiser EM-Rente: individuell, abhängig von den höchsten Einkommen der letzten 15 Jahre vor Eintritt der Minderung. Die Mindestgrenze liegt bei rund 37.000 Euro pro Jahr.

Wer mehr verdient, dem wird der überschießende Teil zu 40 Prozent auf die Rente angerechnet — die Rente entfällt nicht komplett, sie wird nur gekürzt.

So beantragen Sie die EM-Rente

Den Antrag stellen Sie bei der Deutschen Rentenversicherung — entweder online über die eService-Plattform oder per Formular bei den lokalen Beratungsstellen, dem Versicherungsamt der Gemeinde oder einem Versichertenältesten.

Erforderlich:

  • Antragsformular V0200 plus medizinischer Fragebogen V0210
  • Arztberichte der letzten zwei Jahre
  • Befunde von Fachärzten, Klinikentlassberichten, MRT-Bildern
  • Versicherungsverlauf der DRV (auf Anforderung zugeschickt)
  • Ggf. Schwerbehindertenausweis

Nach Antragstellung lädt die DRV Sie zur Begutachtung beim Sozialmedizinischen Dienst ein. Diese Gutachten sind oft entscheidend — eine gute Vorbereitung mit ärztlichen Berichten und einer Liste der täglichen Einschränkungen erhöht die Bewilligungschance erheblich.

Wenn der Antrag abgelehnt wird

Über 40 Prozent aller EM-Rentenanträge werden im ersten Anlauf abgelehnt. In rund der Hälfte der Widerspruchsverfahren werden die Bescheide korrigiert. Sie haben einen Monat Zeit für den Widerspruch — am besten mit anwaltlicher Hilfe oder Unterstützung durch:

  • Sozialverband VdK und SoVD — beide bieten Mitgliedern kostenlose Vertretung im Widerspruch und vor Sozialgericht.
  • Caritas und Diakonie mit Sozialberatung für medizinisch-rechtliche Anträge.
  • Versichertenälteste der DRV — ehrenamtliche Helfer, die unentgeltlich beim Antrag unterstützen.
  • Fachanwälte für Sozialrecht — bei Sozialgerichtsverfahren oft auf Erfolgshonorar.

Wechsel in die Altersrente

Mit 65 (oder bei Geburtsjahrgang ab 1964 mit 67) wandelt sich die EM-Rente automatisch in eine Altersrente um — meist ohne Antrag. Die Höhe bleibt in der Regel gleich, weil die Zurechnungszeit bereits eingerechnet ist.

Häufige Fragen

1 Bekomme ich Bürgergeld zusätzlich zur EM-Rente?
Ja, wenn die Rente unter dem Grundsicherungsbedarf liegt. Sie beantragen dann ergänzende Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach SGB XII — beim Sozialamt, nicht beim Jobcenter. Das ist meist günstiger als das normale Bürgergeld, weil Freibeträge großzügiger sind.
2 Wie lange wird die EM-Rente befristet?
Eine erstmals zugesprochene EM-Rente ist in der Regel zunächst auf drei Jahre befristet. Bei nachgewiesener dauerhafter Erwerbsminderung kann sie auf Dauer gewährt werden — ab dem ersten Tag oder nach mehreren Verlängerungen. Bei Befristung müssen Sie rechtzeitig vor Ablauf einen Folgeantrag stellen.
3 Was ändert sich durch die Reform 2024?
Bestandsrentner mit Rentenbeginn 2001 bis 2018 erhalten seit Juli 2024 einen Zuschlag von 4,5 Prozent (Rentenbeginn 2001-2014) bzw. 7,5 Prozent (Rentenbeginn 2015-2018) auf ihre EM-Rente. Die Auszahlung läuft automatisch ohne Antrag.
4 Kann ich gleichzeitig EM-Rente und ein Krankengeld beziehen?
Nein — sobald die EM-Rente bewilligt ist, endet das Krankengeld. Während des Antragsverfahrens läuft das Krankengeld aber meist weiter; die DRV rechnet rückwirkend mit der Krankenkasse ab.
5 Was passiert, wenn ich wieder gesund werde?
Die DRV überprüft die Erwerbsminderung regelmäßig — meist alle ein bis drei Jahre. Bei Besserung wird die Rente entweder herabgesetzt (volle auf teilweise) oder ganz entzogen. Sie haben dann das Recht, in den Job zurückzukehren; Ihr alter Arbeitgeber muss Sie unter Umständen wieder einstellen, wenn das Arbeitsverhältnis nicht beendet wurde.

Quellen & Rechtsgrundlagen

  1. 1 § 43 SGB VI — Rente wegen Erwerbsminderung
  2. 2 § 50 SGB VI — Wartezeiten
  3. 3 § 96a SGB VI — Hinzuverdienstgrenzen
  4. 4 Deutsche Rentenversicherung — Erwerbsminderungsrente
  5. 5 BMAS — EM-Renten-Zuschlag ab Juli 2024